Jannik ‘Gideon’ Rädisch ist für viele das Gesicht und die Stimme der deutschen PUBG-Szene. Als Kommentator und Experte begleitet er u.a. die Deutsche PUBG Meisterschaft und diverse internationale Events. Esports.gg hat mit ihm über die deutsche PUBG-Szene und über die Entwicklung des Spiels im Allgemeinen gesprochen.

Du hast vor deiner Zeit als Kommentator selber regelmäßig in den höchsten deutschen Ligen gespielt. Wie kam dein Wechsel von der Rolle als aktiver Spieler hin zum Kommentator und Content-Creator zustande? War das etwas, das dich schon immer interessiert hat?

Gideon: Dieser Wechsel vom Spieler zu Caster und Streamer ist etwas, was quasi seit mehreren Jahren in einem fließenden Prozess stattfindet. Je älter ich werde, desto weniger nehme ich selbst an Turnieren Teil und desto mehr übernehme ich die Rolle des Casters oder Organisators. Aber zum zweiten Teil der Frage ein klares Ja. Ich war schon immer extrem interessiert daran, als Caster oder Unterhalter im Rahmen der Esports-Szene aktiv zu sein. Ich habe mit 15 angefangen mit Casts für ESL Radio – damals noch für Warcraft 3 Games und bin seitdem immer dabei geblieben und werde wohl auch in den nächsten Monaten / Jahren diesen Wechsel ganz vollziehen. Generell bin ich ein Mensch, der sich unheimlich schwierig nur auf eine Sache konzentrieren / festlegen kann und so wird das wohl auch noch eine Weile bleiben, bis ich die eine Position gefunden habe, in der ich mich rundum glücklich fühle.



Du beschäftigst dich auch neben deiner Rolle als Kommentator in deinen eigenen Streams häufig mit der deutschen PUBG-Szene. Was gefällt dir an der D/A/CH PUBG-Szene und was sind die negativen Seiten? Wo gäbe es Verbesserungsbedarf?

Gideon: Die Deutsche PUBG-Szene ist ein wunderbarer und zum Glück bunter Ort des Wahnsinns. Was mir am besten an ihr gefällt, ist vermutlich, dass sie wohl die positivste Szene ist, die ich je kennengelernt habe und eine Szene, die noch immer besteht, obwohl sie eine Vielzahl an Rückschlägen erfahren hat, von denen jeder einzelne hätte tödlich sein können. Die Szene ist gleichzeitig relativ groß (vermutlich größer als viele Außenstehende vermuten würden), fühlt sich aber trotzdem immer an wie eine kleine und kompakte Familie. Eine Familie, in der es ein paar Onkels und Tanten gibt, die sich auf Festen gern streiten, aber trotzdem sind auf dem nächsten Fest wieder alle mit dabei. Ein weiterer Punkt, der mir sehr gut gefällt, ist, wie selbstverständlich in den meisten Momenten die Vielfalt in unserer Szene wahrgenommen und gleichzeitig für selbstverständlich erachtet wird. Völlig egal, wer on-stream zu sehen ist, woher jemand ist oder welchem Geschlecht die Person angehört, unschöne Twitch-Nachrichten lesen wir wirklich nur in absoluten Ausnahme-Momenten.

Verbessern kann man natürlich immer einiges. Vermutlich könnten wir als Szene noch mehr zusammen und weniger gegeneinander arbeiten, denn so könnten wir noch mehr erreichen und das Spiel und die Szene positiver und mehr nach unseren Vorstellungen mitgestalten. Wie auch bei anderen Titeln muss man bei PUBG sehr laut sein, um wirklich gehört zu werden und das geht zusammen leichter als allein. Gleichzeitig ist die Szene gefüllt mit sehr sarkastischen Menschen, was meistens großartig, hin und wieder aber eine ganz schöne Herausforderung sein kann.



Du begleitest als Kommentator auch häufig deutsche Teams bei internationalen Turnieren. Wie schätzt du die deutsche PUBG-Szene im internationalen Vergleich ein und was müsste passieren, damit wir ein Team haben, das die ganz großen Titel gewinnen kann?

Gideon: Aktuell muss man leider sagen, dass diese Frage nur schwer zu beantworten ist. Das System, welches PUBG Esports auf höchster Ebene verfolgt, bietet Teams (gerade in Europa) leider nicht viele Möglichkeiten, an die Spitze zu gelangen. Es wird sehr viel mit Invites gearbeitet, bei denen der Erfolg neben der Größe der eingeladenen Organisation nur einen untergeordneten Wert hat. Über die Qualifikationsturniere kommen meisten aus hunderten an Teams nur zwei bis drei in die letzte Phase eines Turniers, da braucht man neben dem richtigen Team leider auch eine ganze Menge Glück, um den letzten Schritt zu gehen.

Um aber trotzdem eine vernünftige Antwort zu geben. Ich glaube die Deutsche Szene braucht nur noch ein paar Monate, bis wir mehrere Teams auf diesem Niveau haben werden. Aktuell haben wir viele Teams, die genau auf der Schwelle zu wirklicher Top-Qualität stehen. Ich habe auch das Gefühl, dass aus einer Szene, in der sehr lange extrem viele Spieler und Spielerinnen gewechselt worden sind, nun endlich ein paar Teams hervorgekommen sind, die gut zusammenpassen. Diese Mentalität, schnell zu wechseln, wenn es mal kurzfristig nicht so gut läuft, hat uns leider über lange Zeit stark abgebremst. Trotzdem bin ich sehr gespannt und optimistisch, wenn es um deutschsprachige Teams auf höchster Ebene in 2022 geht.”



Nach dem Wegfall der ESL Meisterschaft hat BEING Esports mit der PUBG D/A/CH Meisterschaft die Lücke für eine nationale Meisterschaft geschlossen. Wie hast du damals die Gründung der Liga miterlebt und wie wichtig ist so eine Meisterschaft für die nationale Szene? Wohin sollte sich die Meisterschaft entwickeln?

Gideon: Das war vermutlich eine der aufregendsten Zeiten in meinem Leben. Es war eine Menge Arbeit, die sich aber im Vergleich zu “normaler Arbeit” nie wirklich danach angefühlt hat. Im Nachhinein ist es unfassbar, wie viele Menschen in sehr kurzer Zeit zusammengekommen sind, um das Projekt auf die Beine zu stellen. Meine Hoffnung ist, dass die Meisterschaft auf lange Sicht das Kernstück der Community bildet. Es würde mich freuen, wenn wir auch in ein Paar Jahren noch die D/A/CH PUBG Meisterschaften abhalten könnten und uns für immer an die großartigsten Momente erinnern. Schon jetzt gibt es viele Menschen, die sich über PUBG kennengelernt haben und auch viele Menschen, die ich kennenlernen durfte, die vermutlich noch lange nachdem es das Spiel nicht mehr gibt, in Kontakt bleiben werden.

Zum zweiten Teil der Frage. Ich halte den Nationalen Esport für quasi unabdingbar. Nicht aus irgendwelchen patriotischen Gedanken sondern weil er einer Szene die Möglichkeit gibt, näher zusammen zu wachsen und auch einen Grundstein für unfassbar wichtige Punkte wie Talentförderung und die persönliche Weiterentwicklung der Spieler legt. In diesem Jahr hatten wir außerdem die Möglichkeit, die Gewinner unserer Liga direkt über eine Wildcard ein paar Schritte tiefer in den Qualifier für ein wichtiges internationales Event zu bringen. Das war eine sehr schöne Anerkennung unserer Liga von PUBG Seite, über die wir uns noch immer sehr freuen.



PUBG Esports hat nach dem anfänglichen Hype um das Spiel und einer ganzen Reihe großer Turniere ja immer wieder mal mit Rückschlägen zu kämpfen gehabt. Wie siehst du derzeit generell die E-Sports-Szene in PUBG, auch im Vergleich zu anderen Spielen wie CS:GO oder League of Legends?

Gideon: Ich halte sie für eine Nischen-Szene, die allerdings eine absolute Daseinsberechtigung hat. Wir sind kleiner als viele andere Titel, haben allerdings trotzdem einen stabilen Kern und vor allem unfassbar viel Herzblut in der Szene. Die Menge an Spielern und Spielerinnen, die täglich Stunde um Stunde spielen, um sich zu verbessern, die vielen Scrims, zu denen sich Abend um Abend wieder dutzende Teams einfinden und die dauerhafte Auseinandersetzung, in der gefühlt die gesamte Szene steckt, sind etwas, was ich so bisher noch nicht erlebt habe. Wir werden vermutlich nie mehr zu diesem riesen Hype und den gigantischen Spielerzahlen zurückkehren. Dafür ist zu viel schief gelaufen. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig – eine gute Zeit und viele Erinnerungen fürs Leben schaffen wir uns auch so. Andere Szenen und gerade die angesprochenen Spiele wie CS:GO und LoL sind natürlich deutlich professioneller aufgestellt und schon viele Jahre mehr im Geschäft. Sie sind auch wesentlich organischer gewachsen. Das merkt man deutlich an vielen Ecken und enden. Aber wir sind mit PUBG und generell “Battle Royale als Esport” nach vier Jahren im Vergleich zu anderen Titeln aber auch noch in den Kinderschuhen.



PUBG hat extrem viele Spieler, aber vergleichsweise wenige schauen regelmäßig E-Sports oder spielen selber in Turnieren mit. Woran liegt das deiner Meinung nach und wie ließe sich das ändern?

Gideon: Der Grund dürfte hier sehr klar die eher schwierige Viewing Experience sein. PUBG ist ein Esport, bei dem man sehr viel Wissen muss, um ihn wirklich zu verstehen. Auch ist es nicht wirklich leicht, als Fan eines bestimmten Teams immer auf die vollen Kosten zu kommen, was das Verfolgen der Leistung dieses Teams angeht. Wir haben 16 Teams in jedem Match und nicht zwei, da fällt leider hier und da etwas hinten runter. Der Großteil der PUBG-Zuschauer guckt den Sport daher etwas anders, als z.B. LOL oder CS:GO geschaut werden. Es besteht ein allgemeines Interesse an guten Games und dem Verstehen der Strategie hinter den einzelnen Matches. Besonders beeindruckende Kills wie in CS:GO sind da eher von sekundärer Wichtigkeit.

Ändern könnte man das auf verschiedene Arten und Weisen. Eine der wohl am meisten angenommene Form von Content in PUBG-Turnieren sind Team-Streams. Also Teams, die ihre Kommunikation und ihre POV auf Twitch streamen. Nicht selten haben diese Streams mehr Zuschauer als die Casts der Events selbst. Leider ist es gleichzeitig aber auch sehr schwierig, eine Liga umzusetzen, in der diese Streams erlaubt sind. Denn ein Turnier mit einem gewissen Preisgeld ist natürlich immer auf Sponsoren angewiesen, die eine gewisse Anzahl an Zuschauern erwarten. Lässt man alle Spielenden ihre Perspektive ohne Auflagen streamen, kann es aber passieren, dass man diese Zuschauer-Ziele nicht erreicht.

Ein weitere Punkt wäre ein besserer Observer Client. Titel wie CS:GO und LoL haben hier schon lange GoTV und Auto-Observing in recht guter Qualität, um möglichst viele Momente einzufangen. In PUBG sind wir noch immer zu 100% auf menschliche Observer angewiesen, was zum einen fehleranfällig und zum anderen sehr teuer werden kann.

In der deutschsprachigen Community versuchen wir außerdem, den Stream durch Erklärungen und Analysen zugänglicher für Neueinsteiger zu machen.



Gibt es etwas, worum du andere E-Sports-Szenen beneidest? Beispielsweise das International in Dota 2 oder die LEC in League of Legends? Was könnte sich PUBG von anderen E-Sports-Titeln abschauen?

Gideon: Ich hoffe, das klingt nicht zu emotional. Ich beneide andere Esports-Szenen größtenteils wegen deren Teams auf Publisher-Seite, die gefühlt ein großes offenes Ohr für die Community haben. Gerade Riot scheint hier einen extrem guten Job zu machen. Wir haben in Deutschland eine großartige Community-Managerin und ihren ebenso großartigen Kollegen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten vieles umsetzen, was die allgemeine Community angeht.

Leider fühlt man sich als PUBG Esportler allerdings nur selten wirklich gehört, wenn es um das große Ganze geht. Gefühlt werden viele der Entscheidungen getroffen, ohne vorher mit den Pros (und dabei rede ich nicht von mir) gesprochen zu haben und der Großteil der Entscheidungen wird eher mit finanziellen Hintergedanken und mit Fokus auf kurzfristigen Erfolg und nicht langfristiges Wachstum getroffen. Wenn man dann den fünften Tweet aus der Valorant-Szene sieht, wo in kürzester Zeit das Format eines Turniers geändert oder ein wichtiger Patch zum Wohl der Spieler herausgebracht wird, kann das schon ein wenig wehtun.



Wenn du der Chef hinter PUBG wärst, was würde sich ändern? Gibt es Dinge am Spiel oder an der E-Sports-Szene, die du sofort verändern würdest?

Gideon: Ich könnte hier eine gigantische Liste aufzählen. Das wären aber nur die Punkte, die ich persönlich für wichtig halte und eventuell würde ich an vielen Ecken und Enden als “PUBG Chef” sogar nur verschlimmbessern.

Zwei Dinge würde ich allerdings wirklich umgehend umsetzen.

  1. Ich würde sofort das aktuelle System, nach dem PUBG auf höchstem Level gespielt wird (das sogenannte “Most Chicken System”) abschaffen. Dieses System ist aus meiner Sicht deutlich zu Glück gesteuert und wesentlich schlechter als das über lange Zeit entwickelte Punktesystem, nach dem wir schon seit 2017 gespielt haben und an dem wir seit dieser Zeit als Community gearbeitet haben, um es zu perfektionieren. Auch wurde das System ausschließlich für die Zuschauer entwickelt, da es für mehr Chaos sorgt und somit für mehr “bombastische Momente” auf dem Stream. Leider gehen alle diese Änderungen auf Kosten der Teams und ihrer Organisationen. Aktuell fühlen sich viele Pros um die Möglichkeit betrogen, sich als die wirklich besten herauszustellen und das ist meiner Meinung nach das wohl Schlimmste, was einem Sport passieren kann.
  2. Ich würde einen Rat aus Spielern, Coaches, Managern und anderen Menschen mit viel Erfahrung in Sachen PUBG einberufen (2-3 Personen aus jeder Szene), die dauerhaft zu wichtigen Entscheidungen und Entwicklungen von PUBG befragt werden. Ich würde dafür sorgen, dass diese Meinungen wirklich gehört und umgesetzt werden. Ich denke, das würde PUBG dabei helfen, zu einem noch besseren Spiel und einem noch großartigeren Esport-Titel zu werden.”

Für weitere News und Updates folgt uns doch auf Twitter und besucht uns wieder auf esports.gg!

Marvin Meeßen -

Marvin Meeßen

Marvin ist bereits seit seiner Kindheit dem Hobby Gaming verfallen und hat in seiner Esports-Laufbahn bereits eine Vielzahl an Events und Messen als Redakteur besucht. Meistens verbringt er seine Zeit in CS:GO, Hearthstone oder Heroes of the Storm.